Keine Mülldeponie im Mainzer Steinbruch!

     · 

    Stadtspaziergang durch Mainz: Die Portland

     

    Fast 150 Jahre wird in Weisenau Kalkstein abgebaut und Zement produziert. In kaum einem Mainzer Unternehmen spiegeln sich so intensiv 170 Jahre Industriegeschichte wider.

     

    Von Michael Bermeitinger 
    Lokalredakteur Mainz

     

    Ansichtskarte des Werks um 1905. (Foto: Sammlung Michael Bermeitinger)
    Ansichtskarte des Werks um 1905. (Foto: Sammlung Michael Bermeitinger)

     

    MAINZ - In kaum einem Mainzer Unternehmen spiegelt sich der Verlauf der letzten 170 Jahre, die Entwicklung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft so wider wie im Weisenauer Zementwerk, „der Portland“. Aufstieg und Fall und erneuter Aufstieg zeichnen sich in der Firmengeschichte ab, ebenso die bösesten Zeiten. Und sind große Unternehmen einst hoch willkommen, so muss das Werk in den letzten Jahrzehnten mit wachsender Industrieskepsis leben. Selbst die Nachfolgenutzung des Laubenheimer Steinbruchs fällt Sorgen und Ängsten zum Opfer. Auch das ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung.

     

     150 Jahre wird hier Portlandzementklinker produziert, und die Eisenbahn ist so etwas wie Patin bei der Gründung des Unternehmens, denn Bauunternehmer Christian Lothary (1814-1868) legt mit der Beteiligung am Bahnbau 1850 den Grundstock für sein Vermögen. Lothary soll auch den Hochwasserdamm verbreitern, kauft hierfür bei Weisenau einen Steinbruch, Basis für die Portland-Zementproduktion ab 1864.

     

    Portland-Zement wird 1824 in England patentiert

     

    Portland-Zement wird 1824 in England patentiert und ist den günstigen deutschen Produkten überlegen. Als in Deutschland mit dem voranschreitenden Bahnbau Industrialisierung und Bautätigkeit zunehmen, will man Portland-Zement auch hier produzieren. Die Mainzer Gegend mit ihren Kalkvorkommen, die schon die Römer nutzen, ist ideal, und das Weisenauer Werk gehört zu den ersten deutschen seiner Art.

    Lotharys Zementwerk entwickelt sich rasant und mit dem Abraum des Steinbruchs schüttet er am Rhein ein hochwassersicheres Gebiet auf, auf dem er ein Hüttenwerk errichten will. Er gewinnt dafür Julius Römheld, der nach dem Scheitern des Projekts aber in der Wormser Straße 187 eine Gießerei gründet, mit der er alsbald ins Gartenfeld zieht.

     

    Der Sieg im Deutsch-Französischen Krieg und der gründerzeitliche Entwicklungsschub für Mainz sind für das Zementwerk die Initialzündung. Der Bau von Neustadt, Hafen und Straßenbrücke sowie die Verlegung der Bahn bringen Zementfabrik, Kalkproduktion und Backsteinwerk Großaufträge, doch Lothary erlebt das nicht mehr, er stirbt 1868 mit nur 54 Jahren.

     

    Viele Arbeiter kommen aus verarmten Gegenden Rheinhessens, nehmen Tag für Tag stundenlange Fußmärsche in Kauf, und dennoch herrscht Personalmangel. Bis Südtirol und Galizien ist der Werber des Werks unterwegs, um Arbeitskräfte für den Steinbruch zu gewinnen. Eine gefährliche Tätigkeit, aber der Lohn ist fast drei Mal so hoch wie der normaler Arbeiter. Und die Portland bietet Wohnraum. Erst Schlafplätze über den Stallungen, später Wohnungen und -wohnhäuser mit Gärten zur Selbstversorgung. Es gibt auch einen Arbeiterverein mit Vergünstigungen, aber er dient vor allem dazu, „sozialdemokratische Umtriebe“ fernzuhalten.

     

    Auf- und Abstiege der Portland wechseln sich ab

    So wie sich Kriegserfolg, Gründerboom und die Entwicklung von Mainz im Geschäftserfolg spiegeln, so geht es in der Gründerkrise mit der Portland abwärts. Das Werk kommt herunter und wird 1887 an die Mannheimer Portland-Cementfabrik verkauft. Es geht aufwärts, bis nach der Jahrhundertwende der Markt völlig überhitzt ist. Die nächste Krise folgt, die nächste Fusion mit Heidelberg, dann der Erste Weltkrieg, der Absturz und die Fusion zur „Portland Cementwerke Heidelberg-Mannheim-Stuttgart A.G.“. Die Konzentration in der Wirtschaft nimmt zu.

     

    Die Weltwirtschaftskrise zwingt zur zeitweisen Stilllegung, und erst mit der langsamen, fälschlicherweise den Nazis zugeschriebenen Erholung der Wirtschaft geht der Betrieb weiter. Dabei hilft es dem Konzern, dass Generaldirektor Heuer in der NSDAP ist und später zu Himmlers „Freundeskreis Reichsführer SS“ gehört. Über dem Werk weht eine Fahne mit Hakenkreuz im Zahnrad als Symbol der Deutschen Arbeitsfront, dem Einheitsverband von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. 1937 wird Weisenau als erstes von 140 deutschen Zementwerken als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ geehrt. Es gibt Fahnenappelle, Hitler-Reden werden übertragen, aber die Reallöhne fallen aufs Niveau von 1925.

     

    1943 wird auf dem Gelände ein Außenkommando des SS-Sonderlagers Hinzert im Hunsrück eingerichtet, dessen Häftlinge in der Portland eingesetzt werden. Über hundert Gefangene werden in Baracken zusammengepfercht, in denen oft Wasser steht, sind unterernährt und den Quälereien der SS ausgesetzt. Selbst schwerste Arbeiten müssen im Laufschritt absolviert werden, und immer wieder werden Häftlinge bei geringsten Vergehen gequält. Heinz Leiwig schreibt dazu im Buch „Leidensstätten in Mainz 1933 bis 1945“: „Der zu Bestrafende musste mit vorgestreckten Armen in der Hock bis zum Umfallen hüpfen. Bei Erlahmen, Erschöpfung oder Umkippen des Häftlings schlugen die SS-Bewacher mit Stöcken und Ochsenziehmern auf ihn ein.“ Immer wieder werden Häftlinge „auf der Flucht erschossen“, wie zynisch vermerkt wird.

     

    Seit Juli 1944 laufen im Steinbruch Vorbereitungen für die Verlegung der Gustavsburger MAN-Produktion. Unterirdisch sollen Abschussrampen für die „Vergeltungswaffe V 2“ gefertigt werden, und dafür müssen Kriegsgefangene, vor allem aber Zwangsarbeiter 1500 Meter lange Stollen in die Westwand des Steinbruchs treiben. Bis März 1945 werden auch SS-Häftlinge eingesetzt, die in einem Seitenstollen unter schlimmsten Umständen hausen müssen. Die letzten Häftlinge will die Gestapo in einen Eisenbahnwaggon mit der Südbrücke in die Luft jagen. Es gelingt nicht.

     

    Das Werk ist durch die Zerstörung der Kohlenmühle bis 1946 nicht betriebsfähig, danach nur notdürftig, aber mit der Währungsreform beginnt ein fast rauschhafter Aufstieg. Das vollkommen zerstörte Land wird rasend schnell aufgebaut, und Baumaterial, vor allem Zement, kann kaum so schnell produziert werden, wie es verbaut wird.1952 erreicht die bundesweite Zementproduktion die doppelte Menge der Vorkriegszeit, und Weisenau gräbt sich mehr und mehr ins Gelände. 45 Meter hoch und über einen Kilometer weit reicht die Abbauwand. Zwei Mal am Tag wird gesprengt, und Ende der 50er gibt es erstmals Beschwerden aus Laubenheim wegen der Erschütterungen.

     

    Die Aufbauzeit und das nach Mitte der 50er-Jahre einsetzende Wirtschaftswunder sorgt im Werk Weisenau für immer höhere Absatzzahlen, zwischen 1948 und 1961 wird die Produktion 525 Prozent auf 750 000 Tonnen im Jahr gesteigert. Die Heidelberg-Cement AG investiert hier bis Ende der 60er-Jahre 120 Millionen Mark, und das zahlt sich aus. Im 100. Jahr des Bestehens werden eine Million Tonnen Zement im Jahr versandt, 1975 dann 1,6 Millionen Tonnen – der Höhepunkt.

     

    Zwischenzeitlich wird ein Teil des Firmengeländes am Rhein abgetrennt und dort die Soya Mainz gebaut, in der Sojabohnen zu Schrot und Öl gemahlen werden. Eine Zeit lang ist die Heidelberger Zement zu 30 Prozent beteiligt.

     

    2009 verschwindet das Wahrzeichen der Weisenauer Zementindustrie

     

    Die Baukonjunktur schwächt sich laufend ab, gravierend für Weisenau ist aber, dass der Abbau nur noch ein paar Jahre reicht. Und so stellt das Werk 1993 den Antrag, im Bereich Laubenheimer Höhe auf 70 Hektar Kalkstein abbauen zu können. Und erstmals schlägt dem Unternehmen aus der zunehmend industrieskeptischen Gesellschaft massiver Gegenwind entgegen. So dauert das Verfahren zehn Jahre, und in dieser Zeit ist laut Konzern der Investitionsstau so groß geworden, dass trotz Abbaugenehmigung der Aufwand nicht mehr lohnt. 2004 verkündet man die Teilstilllegung und die Umwandlung zum Mahlwerk. Man konzentriert sich auf das Gelände zwischen Rhein und Bahn, worauf 2008 der Entsorgungsbetrieb der Stadt den rekultivierten Steinbruch und den teilverfüllten Laubenheimer Steinbruch übernimmt. Nun gibt die Heidelberg-Cement AG die Abbaugenehmigung an die Stadt Mainz zurück. Und mit der Sprengung des Wärmetauschers 2009 verschwindet auch das Wahrzeichen der Weisenauer Zementindustrie.

     

    Nicht wenige in der Umgebung atmen auf, da die Gesellschaft, die ihren Wohlstand vor allem dem produzierenden Gewerbe verdankt, genau dieses nicht mehr in ihrer Nachbarschaft wissen will. So ist es auch mit Abfall und Müll. Als die Stadt beschließt, im Laubenheimer Steinbruch eine Deponie für niedrig belasteten Bauschutt zu errichten, bricht ein Orkan der Entrüstung los, der das Projekt wohl hinwegfegen wird. In diesem Monat soll der Stadtrat beschließen, dass die Deponie zu den Akten gelegt wird.

     

     

    Quelle: Allgemeine Zeitung Online / 11.07.2022

     

    Kommentar schreiben

    Kommentare: 0