Keine Mülldeponie im Mainzer Steinbruch!

    Was soll der Müll?

    Die Stadt Mainz will im Steinbruch zwischen Laubenheim und Weisenau eine Mülldeponie errichten. Nur 100 Meter entfernt wohnen Familien mit Kindern. Chemikerin Gitta Weber warnt vor krebserregenden Stoffen, andere Experten vor "bestialischem Gestank".

    Gitta Weber in Ludwigshafen / Bildquelle: Ralf Keinath
    Gitta Weber in Ludwigshafen / Bildquelle: Ralf Keinath

    Gitta Weber ist promovierte Chemikerin und leitet in Frankfurt am Main eine Messstelle für Schadstoffe. Die Chemikerin kennt sich also aus mit Giften aller Art. Aber dass sie es in der Nähe ihres Wohnhauses in Weisenau einmal mit Schadstoffen zu tun haben könnte, hätte sie bis vor einem Jahr nicht gedacht. 

     

    Damals erfuhr die zweifache Mutter aus der Zeitung, dass die Stadt Mainz eine Mülldeponie der Klassen 1 und 2 für mineralische Abfälle errichten will. Und das in dem Steinbruch, der gerade einmal 300 Meter von ihrem Haus entfernt liegt. "Viele Häuser am Großberg sind noch näher dran, etwa 100 Meter", sagt sie. Und dort leben vor allem junge Familien, deren Häuser erst in den vergangenen Jahren gebaut wurden.

     

    PAK - die Gefahr aus der Luft

    Die bundesweite Deponieverodnung von 2009 teilt Müllhalden für organische Abfälle in fünf Klassen (0 bis 4) ein, wobei Müll der vierten Kategorie nur unter Tage gelagert werden darf. In der ersten Klasse werden vor allem Bauschutt und Erdaushub, in der zweiten Klasse "nicht-gefährliche Abfälle mit geringem organischem Anteil" gelagert. Das klingt erst einmal beruhigend. Sieht man jedoch genauer hin, sind die Grenzwerte in Klasse 2 für sogenannte polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sehr großzügig angegeben. Hinter diesem Wortungetüm stecken chemische Verbindungen, die bei der unvollständigen Verbrennung von organischem Material wie Holz, Kohle oder Öl entstehen. Viele PAKs bleiben lange in der Umwelt und können kaum abgebaut werden. Sie gelangen vor allem durch Stäube in die Luft. Beim Menschen können sie das Erbgut verändern und das Krebsrisiko erhöhen. Die Einstufung als gefährlicher Abfall erfolgt laut Verordnung ab 1000 Milligramm PAK pro Kilogramm Müll. Das ist auch der Grenzwert für Abfall der zweiten Deponieklasse.

     

    "In Hessen wäre eine solche Deponie undenkbar" - Gitta Weber, Chemikerin und Anwohnerin

     

    Auch teerhaltiger Bauschutt ist mit PAK belastet. In die geplante Deponie im Steinbruch würde unter anderem Straßenaufbruch vom Zollhafen und den Mainzelbahn-Baustellen geliefert. Gerade die Gleisanlagen im Zollhafen dürften hohe PAK-Werte aufweisen. Verantwortlich dafür, dass die Grenzen eingehalten werden, sind in erster Linie diejenigen, die den Müll anliefern. Sie müssen in Stichproben nachweisen, dass ihre Lieferung sämtliche Grenzwerte, unter anderem die für PAKs, nicht überschreitet. "In Hessen wäre es undenkbar, solche Stoffe quasi mitten im Wohngebiet zu deponieren", sagt Weber. Als Chemikerin und Anwohnerin fühlt sie sich dazu verpflichtet, die Deponie zu verhindern.

     

    "Wenn die Leute krank werden, kann man meistens nicht nachweisen, woran es gelegen hat"

    Deshalb fährt Gitta Weber an diesem Freitagnachmittag im April mit einem Reisebus zur Mülldeponie nach Ludwigshafen. Eine Fahrt, die die Stadt Mainz organisiert hatte, um Bedenken der Bürger zu zerstreuen. Doch welche Bedenken überhaupt? Bisher diskutiert kaum jemand über die Deponie. Wenige Texte in den Lokalnachrichten, einige kaum beachtete Bürgerdiskussionen, eine nicht bindende Abstimmung im Ortsvorstand Weisenau. Der große Protest blieb bisher aus. Liegt es daran, dass die chemischen Prozesse, die in Müllbergen ablaufen, zu komplex sind? Oder daran, dass die Stadt mögliche Gefahren noch nicht thematisiert hat? "Wenn die Leute krank werden, kann man meistens nicht nachweisen, woran es gelegen hat", sagt Gitta Weber.

     

    Hermann Winkel, Leiter des Entsorgungsbetriebs in Mainz, nutzt die Kaffeefahrt nach Ludwigshafen als Charmeoffensive. Gleich zu Beginn verteilt er kleine Carepakete mit Brezel, Apfel und Schokoriegel. Gitta Weber nimmt die Tüte nur widerwillig entgegen. "Ich habe mir selbst Brote geschmiert", murmelt sie und würdigt das Geschenk bis zum Ende der Fahrt keines Blickes mehr. Man merkt: Sie hat sich fest vorgenommen, von niemandem eingelullt zu werden. Während der einstündigen Fahrt erzählt sie, dass der Ausflug nach Ludwigshafen eigentlich sinnlos sei. "Die haben nur eine Deponie der Klasse 1 mit strengeren PAK-Werten."

     

    Was ist ausreichender Schutzabstand?

    Noch bevor der Bus in Ludwigshafen ankommt, erkennen die ersten schon den nächsten Unterschied: Das Wohngebiet liegt gut 500 Meter von der Deponie "Hoher Weg" entfernt. In der alten Deponieverordnung hieß es noch, dass zwischen Müllhalde und Wohnsiedlung mindestens 300 Meter Abstand liegen sollen. Also drei Mal so viel wie es die Stadt Mainz plant. In der bundesweiten Verordnung von 2009 ist nur noch von "ausreichendem Schutzabstand zu sensiblen Gebieten wie z. B. zu Wohnbebauungen", die Rede. Ob 100 Meter ausreichen?

     

    "Verantwortung für den eigenen Müll" - Katrin Eder, Umweltdezernentin

     

    Für Gitta Weber jedenfalls nicht. Sie sagt: "In der Messstelle für Schadstoffe muss ich strenger sein als Behörden." Sie könne sich durchaus in die Verantwortlichen hineinversetzen. Schließlich muss die Stadt die EU-weite Richtlinie umsetzen, die besagt, dass sich die Kommunen um ihren eigenen Müll kümmern müssen. "Dieser Verantwortung wollen wir uns stellen", sagt Umweltdezernentin Katrin Eder (Grüne) während der Fahrt. Seit die Mülldeponie in Budenheim 2010 geschlossen wurde, fahren LKWs den Müll größtenteils nach Kaiserslautern. Eine teure Lösung, vor allem weil in Mainz so viel gebaut wird wie selten. Mainzelbahn, Innenstadt und Zollhafen sind nur die größten Bauprojekte. Eine eigene Mülldeponie würde die Kosten erheblich drücken. In Zeiten, in denen Städte wie Mainz notorisch klamm sind, eine verlockende Aussicht.

     

     

    Bildquell: Stefan Müller

     

    Doch das Kostenargument überzeugt die Chemikerin Weber nicht. "Die Richtlinie besagt nicht, dass Mainz immer mehr zum Hauptentsorgungsgebiet werden muss." Eine Müllverbrennungsanlage gebe es ja beispielweise schon. "Der Öffentlichkeit wird nicht erzählt, was Sache ist." Alternative Orte, die weiter entfernt von der Bevölkerung lägen, seien kaum geprüft worden. Viele Familien auf dem Großberg kriegten überhaupt nichts von den Planungen mit. Weber überlegt nun, ob sie mit anderen Mitstreitern eine Bürgerinitiative gründen soll. Selbst ihr 14-jähriger Sohn habe von sich aus gesagt, dass er in der Schule Unterschriften gegen die Müllkippe sammeln wolle.

     

    Von der Müllhalde zum Naherholungsgebiet

    Der fast voll besetzte Bus ist mittlerweile an der Deponie "Hoher Weg" angekommen. Auf der 15 Hektar großen Deponie werden mineralische Abfälle der Klasse 1 gelagert, also gering belastete Stoffe, die nicht mehr reaktiv sind. Die Deponie verfügt über eine Basisabdichtung, die verhindert, dass gefährliche Stoffe in den Boden gelangen. So wie auch die Mainzer Deponie abgedichtet werden soll. Ein weiterer Unterschied ist aber, dass das Ludwigshafener Gelände vor Jahren von der Chemieindustrie um BASF genutzt wurde, um Abfälle zu entsorgen. Mit dem Müll der Kategorie 1 wird also der weit giftigere Müll zugeschüttet. In Mainz dagegen soll Müll der zweiten Kategorie auf natürliches Gestein geladen werden.

     

    "Sobald die Deponie abgedeckt ist, würde ich drauf wohnen" - Ludwigshafener Deponieleiter Knut Blaut

    Der Ludwigshafener Deponieleiter Knut Blaut versucht in einem Vortrag, die positiven Seiten einer Müllhalde hervorzuheben. "Sobald die oben abgedeckt ist, würde ich sogar drauf wohnen." Im Jahr 2020 wird die Deponie voll sein. Noch sieht es zwischen den Tonnen von Bauschutt und Erdaushub nicht sehr wohnlich aus. Nach 2020 wird die Deponie, so wie es auch in Mainz geplant ist, zum Naherholungsgebiet ausgebaut und für die Bürger geöffnet. Bis die Mainzer Deponie oben abgedichtet ist, dürfte es aber 20 Jahre dauern. Danach ist das Gelände "safe", wie Blaut sagt. Doch bis es soweit ist, liegen Stäube in der Luft, die mit PAKs und anderen Schadstoffen belastet sind. Zumindest bis zu gewissen Grenzwerten.

     

    Krebsgefahr oder einfach nur bestialischer Gestank?

    Doch selbst wenn Gitta Weber die Krebsgefahr der Deponiestäube überschätzen sollte. Wie sieht es mit dem Geruch aus? Blaut versichert, dass sich die Anwohner bisher noch nie über den Gestank beschwert hätten. Direkt an der Müllkippe steht sogar eine kleine Gastwirtschaft. "Da essen die Leute draußen ihre Currywurst, kein Problem", sagt Blaut. Tatsächlich hält sich der Gestank auf der Deponie in Grenzen. Nur an einigen Stellen liegt ein stechender teerhaltiger Geruch in der Luft. Doch die Ludwigshafener Deponie ist anders als die im Laubenheimer Steinbruch geplante eben eine der Kategorie 1.

     

    "Dagegen ist ein Kuhstall ein Vergnügen" - Professor Al-Akel

     

    "Deponien der zweiten Kategorie stinken bestialisch", sagt Professor Said Al-Akel von der Fakultät Bauwesen der Technischen Hochschule Leipzig (HTWK) am Telefon, "ein Kuhstall ist dagegen ein Vergnügen." Denn anders als in der ersten Kategorie wird in der zweiten Hausmüll angeliefert. Al-Akel schätzt die Krebs-Gefahr wegen der PAK-belasteten Stäube nicht als besonders hoch ein. "Vorausgesetzt natürlich die Richtlinien werden eingehalten." Hermann Winkel vom Mainzer Entsorgungsbetrieb gibt zu: "Da herrscht natürlich keine hundertprozentige Sicherheit. Doch jeder der liefert, muss eine Analyse vorlegen." Das gelte auch für Bauschutt und Gleisanlagen aus dem Zollhafen, die die Grenzwerte überschreiten könnten. Die Verantwortlichen wollen in weiteren Bürgerrunden Stellung beziehen. "Wir haben nichts zu verbergen", so Winkel.

     

    Wie es nun weitergeht

    In den nächsten Monaten wird Winkel einen Antrag bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd einreichen. Die Behörde muss, bevor sie entscheidet, ob die Deponie gebaut werden darf, Bedenken von Bürgern und Organisationen entgegennehmen. Je nachdem wie stichhaltig diese sind, kann der Bau verhindert oder zumindest mit strengeren Auflagen versehen werden.

     

     

    Bis dahin will Gitta Weber weiter gegen die Mülldeponie kämpfen. Mitstreiter hat sie bereits gefunden, unter anderem den Weisenauer Ortsvorsteher Ralf Kehrein (SPD). Auch er ist nach der Fahrt keineswegs überzeugt: „Ich wünsche mir mehr Transparenz für die Anwohner und eine Bürgerversammlung“, sagt Kehrein. Als Ortsvorsteher vertritt er dabei vor allem die Interessen der Bürger, die neben der Müllhalde leben müssten. Obwohl die Bewohner am Großberg schon die Autobahn A60 ertragen müssen, die nah an den Häusern vorbeiführt, sind die Grundstückspreise keineswegs günstig. Durch eine Müllkippe in der Nachbarschaft dürften die Häuser aber an Wert verlieren. Ob das allen Anwohnern bewusst ist? Gitta Weber sagt: "Die meisten wissen noch gar nicht, was auf sie zukommt."

     

    Quelle: Merkurist - 28.04.2015

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